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Wealth Management: Investment Views

Dr. Bruno Eschli, Investor Relations Officer, Roche, zusammen mit William Haggard und Christoph Wirtz, Rothschild & Co Bank AG

Eine Antwort auf COVID-19

In diesem Interview mit Dr. Bruno Eschli, Investor Relations Officer des Schweizer Pharmaunternehmens Roche, erfahren wir mehr über die Herausforderungen in der Entwicklung eines Impfstoffs gegen COVID-19, über die Antwort der Pharmaindustrie auf die Krise und darüber, wie sich dies auf die Reputation der Branche auswirken könnte.

Für weitere Angaben zu unseren Anlagen wenden Sie sich bitte an Ihren Kundenberater.

Im Jahr 2020 dreht sich auf der Welt fast alles um COVID-19 und die Suche nach einem Impfstoff – was kann uns die Geschichte hier lehren?

Der bisher übliche Zeitraum für die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs betrug fünf bis sechs Jahre, wobei der eigentliche Durchschnitt eher bei zehn oder mehr Jahren liegt. Bei einigen Viren wie zum Beispiel HIV konnte auch nach 30 Jahren Forschung noch kein Impfstoff gefunden werden.

Auch wenn sich 2020 für viele wie ein sehr langes Jahr anfühlt, sollten wir nicht vergessen, dass COVID-19 erst Ende 2019 identifiziert wurde. Jeden Tag kommen neue Erkenntnisse darüber hinzu, wie das Virus mit Menschen interagiert und wie die Infektion abhängig von beispielsweise den Genen, dem Immunsystem oder der Blutgruppe jedes einzelnen Infizierten verläuft. Auch wir verfolgen die Evolution des Virus ständig und auf nie da gewesene Weise, während es sich über die ganze Welt verbreitet. Gerade dieser letzte Punkt ist wichtig, denn falls sich die Mutationsrate von COVID-19 als hoch erweist, wird die volle Immunisierung durch einen Impfstoff wohl kaum länger als eine Saison anhalten – wie dies ja auch bei der Wintergrippe der Fall ist.

Wir wissen jedoch, dass diese Pandemie eine so kritische Grösse angenommen hat, dass das Virus weiterhin unter den Menschen zirkulieren wird und nicht mehr eingedämmt werden kann. Die Schwere der Infektion wird sich im Laufe der Zeit verändern und dadurch, dass das Niveau der natürlichen Immunität in der Bevölkerung steigt, wird COVID-19 Teil des natürlichen Virenbestandes werden, mit dem wir lernen müssen zu leben – aber dieses Stadium liegt noch in einiger Ferne.

Wie sind die Chancen, dass schon bald ein Impfstoff erhältlich sein wird?

Das aktuell Positive ist, dass zurzeit rund 100 bis 150 Impfstoffe weltweit entwickelt werden. Diese grosse Zahl an Schüssen auf dasselbe Ziel erhöht wohl die Chancen, dass ein wirksamer Impfstoff gefunden und produziert wird. Ich würde optimistisch schätzen, dass ein guter Impfstoff für einen grossen Teil der Bevölkerung bis Ende 2021 verfügbar sein sollte. Noch aber ist unklar, welche Immunität ein Impfstoff bieten wird und wie die Herstellung und Verteilung die Nachfrage wird decken können. Damit das Virus wirksam eingedämmt werden kann, muss ein grosser Teil der Weltbevölkerung immunisiert werden. Dies stellt eine einzigartige Herausforderung für Regierungen und Privatwirtschaft dar, die zusammenarbeiten werden müssen, um die Massenproduktionsund Lieferziele zu erreichen.

«Roche ist Vorreiterin in der Entwicklung von COVID-19-Tests und produziert aktuell über 15 Millionen molekulare Tests monatlich.»

Dr. Bruno Eschli | Investor Relations Officer, Roche

 

Sind Sie der Ansicht, dass wir die COVID-19-Pandemie ohne Impfstoff unter Kontrollebringen können?

Absolut. Es gibt verschiedene Ansätze dazu, aber ein guter Impfstoff wäre wohl die effektivste Lösung. Antivirale Medikamente, darunter auch neutralisierende Antikörpercocktails, deren Entwicklung im Kampf gegen COVID-19 schon fortgeschritten ist, hindern das Virus daran, sich im infizierten Körper zu vermehren, oder sie können vielleicht auch als Präventionsmassnahme gegen die Infektion eingesetzt werden. Viren können diese Medikamente jedoch durch Mutation umgehen, vermutlich schneller als sie dies bei wirksamen Impfstoffen tun könnten. Beispielsweise wurden antivirale Medikamentencocktails entwickelt, die in Abfolge verabreicht zur Bekämpfung von Viren wie dem HIV, das uns weiterhin mittels Mutation entwischt, eingesetzt werden.

Zurzeit gibt es antivirale Medikamente auf dem Markt, die auf ihre Eignung im Kampf gegen COVID-19 getestet werden.

Zusätzlich zu antiviralen Therapien werden auch Medikamente getestet, deren Ziel das Immunsystem ist. So soll ermittelt werden, ob sie im Kampf gegen COVID-19 eingesetzt werden können. Von besonderem Interesse sind hier die Medikamente, die die Überstimulierung des Immunsystems unterdrücken. Seit den ersten Tagen der Beobachtung von COVID-19 in Wuhan stellten Ärzte fest, dass die tödlichste Wirkung dieser Krankheit die Überreaktion ist, die das Virus im Immunsystem des Patienten auslöst. Indem dieser negative Feedback-Loop zwischen Virus und Immunsystem durch den rechtzeitigen Einsatz von immunmodulierenden Medikamenten unterbrochen wird, müssen Patienten eventuell nicht auf die Intensivstation verlegt und Leben können letztlich gerettet werden.

Ein anderes Thema ist ja die Entwicklung von Tests – welche Tests sind zurzeit verfügbar und wie fortgeschritten ist die Entwicklung in diesem Bereich?

Sowohl Polymerase-Kettenreaktionstests (PCRTests) und Antikörpertests werden in den nächsten zwei Jahren massenweise erforderlich sein, damit COVID-19 in der Gesamtbevölkerung aufgespürt, nachverfolgt und letztlich eingedämmt werden kann. Der PCR-Test weist virales genetisches Material nach und zeigt an, ob Sie mit dem Virus aktiv infiziert sind. Es ist ein hoch sensitiver Test, der in den ersten zwei Wochen nach der Infektion eingesetzt wird und dabei hilft, die Gesamtvirenbelastung zu quantifizieren.

Der Antikörpertest spürt die Präsenz von spezifischen COVID-19-Antikörpern im Blut auf. Diese werden ein paar Tage nach dem Auftreten von Symptomen gebildet, zeigen dann jedoch kaum ausreichend die Quantität oder Qualität an, sodass der Test erst rund zwei Wochen nach der Infektion ihre Präsenz genau feststellen kann.

Im Allgemeinen verbleiben Antikörper während sechs bis acht Monaten im Blut, je nachdem, wie stark die Infektion war. Somit ist der Antikörpertest ein wichtiges Instrument zur retrospektiven Ermittlung der Virenexposition einer Bevölkerung. Mit diesen Daten kann festgestellt werden, ob eine Person ein bestimmtes Virenimmunitätsniveau erreicht hat und auch, ob auf Bevölkerungsebene eine Herdenimmunität erzielt wurde.

Welchen Beitrag leistet Roche zur Entwicklung von Tests?

Roche ist Vorreiterin in der Entwicklung von COVID-19-Tests und produziert aktuell über 15 Millionen molekulare Tests monatlich für Testverfahren im Zusammenhang mit COVID-19. Wir verfügen über eine Herstellungskapazität von bis zu 100 Millionen Antikörpertests pro Monat. Auf globaler Ebene übertrifft die Nachfrage derzeit das Angebot an PCR-Tests, während ein Überangebot an Antikörpertests weiterhin vorliegt. Letzteres könnte sich jetzt nach dem Abklingen der ersten Welle ändern, denn Regierungen wollen die Immunitätsniveaus der Bevölkerungsgruppen ermitteln, um für eine zweite Welle besser gerüstet zu sein.

Der Mangel an globaler Koordination bei der Entwicklung eines Impfstoffs ist kritisiert worden. Welche neuen Erkenntnisse können Sie hier in die Debatte einbringen?

Bis jetzt ist die Entwicklung eines Impfstoffes weltweit nicht koordiniert worden. Da wir uns noch in der Erforschungsphase befinden, ist dies an sich gar nicht schlecht. Die Medien und die Öffentlichkeit schätzen dies jedoch nicht immer, aber die Wissenschaft muss in einem Umfeld von Versuch und Irrtum arbeiten können. Wenn es um das Überprüfen neuer Ansätze und Ideen geht, müssen wir die Diversität fördern, um relativ rasch eine Lösung für die COVID-19-Krise finden zu können. In der Erforschungsphase dieses Problems ist es entscheidend, dass die Wissenschaft die Möglichkeit hat, organisch und frei von den Zwängen eines einzigen «globalen» Ansatzes zu handeln und sich zu entwickeln. Denn ein solcher Ansatz kann schnell einmal die Forschungs- und Innovationskraft durch eine übermässige Abhängigkeit von einem Gruppendenken ersticken.

Koordination wird jedoch dann wichtig, wenn es um die Herstellung geht. Sobald wir die potentesten Medikamente oder Impfstoffe im Kampf gegen COVID-19 gefunden haben, werden wir die Zusammenarbeit zur Beschleunigung der globalen Produktion stärken müssen. Aus diesem Grund prüft die Branche zurzeit bereits die Herstellungskapazitäten und viele Vereinbarungen wurden schon unterzeichnet, damit sichergestellt ist, dass wirksame Medikamente und Impfstoffe rasch und massenweise produziert werden können.

«Die gegenwärtige Pandemie hat uns aber auch die grossen Ungleichheiten der Gesundheitssysteme
weltweit vor Augen geführt.»

Dr. Bruno Eschli | Investor Relations Officer, Roche

In welchem Ausmass wirkt sich der Kampf gegen COVID-19 disruptiv auf das Budget von Research and Development (R&D) und die geplante Medikamentenherstellung bei grossen Pharmaunternehmen aus?

Wir erwarten aufgrund dieser Pandemie einen zweijährigen Dominoeffekt, jedoch ist es zurzeit schwierig, eine Vorhersage zu machen. Die Arbeit von F&E verzögert sich hauptsächlich im Studienbereich. Das Rekrutieren neuer Patienten und die Sicherstellung von Patientenbesuchen in den Krankenhäusern für Studien während einer Gesundheitskrise sind grosse Herausforderungen und können die Datenerhebung verlangsamen oder im schlimmsten Fall zum Abbruch von Studien führen.

Bis jetzt waren die Auswirkungen auf unser Entwicklungsprogramm sehr begrenzt. Unsere Teams überwachen zurzeit die Lage und sind dabei, Minderungsstrategien zu erarbeiten. Wir können bestätigen, dass alle unsere Studien, die sich 2020/2021 im fortgeschrittenen Stadium befinden, wie erwartet veröffentlicht werden können. Es gibt ein paar Verzögerungen beim Start von Phase-1-Studien, aber auch diese Situation verbessert sich jetzt.

Wie schätzen Sie die aktuelle Stimmung bezüglich der Pharmaindustrie weltweit ein und welche Chancen oder Herausforderungen bietet die gegenwärtige Krise?

Es überrascht wohl kaum, dass der Pharmasektor schon früh erkannte, was es mit der Ausbreitung von COVID-19 auf sich hatte. Beispielsweise verfügt Roche über eine grosse Belegschaft in China und realisierte rasch, dass die «Wuhan-Grippe» einen sehr schweren Verlauf aufweist. Seit Ende Januar waren wir in Alarmbereitschaft und unser Unternehmen fuhr seine Entwicklungskapazitäten für PCR- und Antikörpertests kräftig herauf. Dies alles in Rekordzeit, denn PCR- und Antikörpertests benötigen bis zu ihrer Vermarktung gewöhnlich bis zu drei Jahre.

Bezüglich Preisgestaltung bei den PCR- und Antikörpertests handelte Roche sehr verantwortungsvoll und stellte sicher, dass die Tests allgemein zugänglich sind. Als wir die Tests lancierten, warfen uns einige Konkurrenten jedoch vor, wir hätten den Preis zu tief angesetzt, um sie aus dem Wettbewerb zu drängen und den Markt langfristig monopolisieren zu können – was aber nie unsere Absicht war.

Wir hoffen, dass die Öffentlichkeit realisiert, welchen Arbeitsaufwand Unternehmen wie Roche in den Kampf gegen COVID-19 stecken, und versteht, dass die Industrie dank neuester Technologien helfen kann, Gesundheitsprobleme zu lösen und nicht ein Hindernis für das Gesundheitssystem darstellt. Ich glaube, dass unsere Diagnostik ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist, wie kluge Investitionen in neue Technologien die Ergebnisse für Patienten auf der ganzen Welt verbessern können, und dass sie es uns ermöglichen, eine Pandemie so zu bewältigen, wie dies in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nie möglich war.

Die gegenwärtige Pandemie hat uns aber auch die grossen Ungleichheiten der Gesundheitssysteme weltweit vor Augen geführt – Ungleichheiten, deren Hauptursache die unterschiedlich hohen diesbezüglichen Staatsausgaben sind. Insgesamt also würde ich auf Länder- und Unternehmensebene viele Erkenntnisse aus der Pandemie erwarten. Beispielsweise könnten wir von Roche uns fragen, ob die Entwicklung von Diagnostiktests gemeinsam mit den Aufsichtsbehörden beschleunigt werden könnte oder welche Rolle die Homeoffice-Arbeit und virtuelle Sitzungen in Zukunft spielen könnten.

Letztlich hoffe ich, dass die Leistungen von Roche anerkannt werden und die Menschen die Rolle, die «Big Pharma» im Kampf gegen COVID-19 spielte, nicht vergessen werden. Natürlich wird es immer Kritik geben, aber dies sollte uns nicht davon abhalten, an der Entwicklung einer Heilmethode zu arbeiten, die uns letztlich aus der aktuellen Krise herausführt.

Warum wir Roche mögen

Unser Aktienanalyst Christoph Wirtz verfolgt seit Jahren die Entwicklung des Schweizer Pharmagiganten Roche. Er erinnert uns an die fünf Hauptgründe, warum er das Unternehmen nach wie vor mag:

  1. Roche hält eine der nachhaltigsten Positionen in der schweizerischen und europäischen Pharmaindustrie und entwickelt innovativste Medikamente von Weltklasse in den Bereichen Onkologie, Immunologie, Infektionskrankheiten, Ophthalmologie und Neurowissenschaften.
  2. Das Unternehmen ist im Diagnostikbereich weltweit führend und ist angesichts der COVID-19-Krise sowohl bezüglich viraler Tests als auch Antikörpertests stark positioniert.
  3. Im globalen Pharmasektor betreibt das Unternehmen die grösste F&E-Abteilung und gibt rund 20–22 % seines Umsatzes für F&E aus, gegenüber dem Branchendurchschnitt von rund 16 %.
  4. Die Geschäftsleitung verfügt über eine fundierte Erfahrung in der Branche und ihre Entschädigung stimmt aus Governance-Sicht mit den Aktionärsinteressen überein.
  5. Die Gründerfamilie besitzt nach wie vor die Stimmrechtsmehrheit. Diese Stabilität ermöglicht langfristiges Planen und Denken – Schlüsselfaktoren der strategischen Entwicklung des Unternehmens.
 

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