Langlebigkeit und gesunde Lebensjahre: eine neue Dimension nachhaltiger Investments

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Als Netflix die Dokumentation "Live to 100: Secrets of the Blue Zones" veröffentlichte, liessen sich Millionen Zuschauer von den Menschen in Okinawa, Sardinien und auf der Halbinsel Nicoya in Costa Rica inspirieren – Regionen, in denen ein Leben bis 100 keine Ausnahme, sondern Normalität ist. Diese Hundertjährigen pflegen ihre Gärten, gehen zu Fuss zu Freunden und teilen einfache Mahlzeiten, reich an Gemüse und Gespräch. Ihr Geheimnis ist keine Wundermedizin, sondern eine Lebensweise, die Sinn, Verbundenheit und Masshaltung vereint – ein eindrücklicher Beweis dafür, dass Langlebigkeit nicht nur eine Frage der Jahre, sondern der Lebensqualität ist.

Dieses wachsende Interesse am langen und guten Leben geht längst über Lifestyle-Themen hinaus. Es verändert Volkswirtschaften, Branchen und Anlagestrategien und macht Langlebigkeit zu einem der prägenden Megatrends unserer Zeit.


Mehr Leben in die Jahre bringen – nicht nur mehr Jahre ins Leben

Hinter diesem kulturellen Wandel steht eine demografische Realität: Noch nie haben Menschen weltweit so lange gelebt. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich seit 1900 mehr als verdoppelt und lag 2023 [1] bei rund 73 Jahren. Bis 2025 wird bereits jede fünfte Person über 60 Jahre alt sein [2] - ein unumkehrbarer Trend. Die Vereinten Nationen erwarten, dass die Zahl der über 65-Jährigen bis 2050 auf 1,6 Milliarden steigt, also auf rund jeden sechsten Menschen weltweit. [3]

Mit dieser „Langlebigkeitsrevolution“ wächst auch die Herausforderung der sogenannten Health Span: Im Durchschnitt verbringen Menschen die letzten zehn bis zwölf Lebensjahre in schlechter Gesundheit [4]. Politik und Wirtschaft verschieben daher den Fokus – weg vom reinen Gewinn an Lebensjahren, hin zum Gewinn an gesunden Jahren.

Abbildung 1: Faktoren, die aktives Altern beeinflussenLongevity - Graphic 1 - DE.jpg

Quelle: Silver Economy: The Age of Opportunity, Rothschild & Co, Dezember 2024. (link)

 

Wo Alter auf Chancen trifft

 

Diese demografische Verschiebung hat weitreichende wirtschaftliche Folgen. Ältere Menschen, allen voran die Babyboomer, verfügen über beispiellosen Wohlstand und Konsumkraft. Ihr durchschnittliches Nettovermögen liegt heute bei rund 1 bis 1,2 Millionen US-Dollar - so hoch wie bei keiner Generation zuvor. Damit prägen sie die sogenannte Silver Economy - den Markt für Produkte und Dienstleistungen für Menschen über 50.

Diese Silver Economy ist bereits riesig (mit einem globalen jährlichen Konsumvolumen von rund 15 Billionen US-Dollar) und wächst weiter, da sich die 60+-Bevölkerung bis zur Mitte des Jahrhunderts verdoppeln dürfte [5]. Ältere Konsumenten sind zahlreicher, gesünder, vermögender und besser gebildet als frühere Generationen und Unternehmen reagieren darauf. Von Gesundheits- und Ernährungsangeboten bis hin zu Reisen und Freizeit entstehen Produkte, die Lebensqualität und Teilhabe fördern.

Dieser Trend passt auch zu ESG-Prinzipien: Firmen, die sich auf die Silver Economy ausrichten, können wirtschaftlich profitieren und gleichzeitig gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, indem sie dazu beitragen, dass ältere Menschen gesund, aktiv und integriert bleiben.

Abbildung 2: Anteil der Konsumausgaben nach Altersgruppen
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Quelle: The U.S. Economy’s Secret Weapon: Seniors With Money to Spend, The Wall Street Journal, Oktober 2023.

 

Innovation für ein längeres Leben

 

Das Streben nach längeren, gesünderen Lebensjahren beflügelt Innovationen in Medizin, Technologie und Lifestyle. Der weltweite Markt für Anti-Aging-Produkte von Pharma und Biotech über Wellness bis hin zu Hautpflege wurde 2025 auf rund 85 Milliarden US-Dollar geschätzt und dürfte bis 2030 auf über 120 Milliarden steigen (rund 7 % jährliches Wachstum). [6]

Dabei geht es zunehmend um den Unterschied zwischen Lebensspanne und Gesundheitsspanne: Ziel ist nicht nur, länger zu leben, sondern länger gesund zu bleiben. Forschende entwickeln Therapien, die altersbedingte Erkrankungen verzögern sollen, etwa sogenannte senolytische Medikamente, die alternde Zellen abbauen oder Gen- und KI-gestützte Diagnostik.

Auch bestehende Medikamente eröffnen neue Perspektiven: Präparate wie Ozempic und Wegovy, ursprünglich zur Behandlung von Diabetes und Adipositas entwickelt, werden inzwischen auf ihr Potenzial untersucht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kognitiven Abbau zu reduzieren und könnten damit sogar die Lebenserwartung verlängern. Solche Durchbrüche haben das Potenzial, das Gesundheitswesen zu verändern und auch Altersvorsorge und Pflegekonzepte neu zu definieren.

 

Risiko neu denken: Versicherungen, Pensionen und Immobilien im Zeichen des Alters

Die Langlebigkeitsrevolution verändert nicht nur die Medizin.

  • Vitalität statt Jugend: Die „Silver Surge“, also der wachsende Konsum älterer Generationen, prägt Branchen wie Ernährung, Kosmetik, Freizeit und Reisen. Unternehmen reagieren: Nestlé entwickelt spezielle Nahrungsprodukte für Senioren zur Unterstützung von Stoffwechsel und Muskelkraft, während L’Oréal mit Biotech-Partnern an „Age-Tech“-Hautpflege arbeitet, die Hautresilienz und Zellvitalität fördert. Ziel ist nicht mehr, Alter zu kaschieren, sondern es gut zu leben.
  • Langlebigkeitsrisiko und finanzielle Anpassung: Gleichzeitig entstehen finanzielle Herausforderungen. Rentenfonds und Versicherer sehen sich einem neuen Risiko gegenüber: Menschen leben länger als kalkuliert. Schon ein zusätzliches Lebensjahr kann Milliarden an Pensionsverpflichtungen bedeuten. [7] Daher setzen Versicherer zunehmend auf Instrumente wie Longevity Swaps, Rückversicherungen und neue lebenslange Rentenprodukte, die Einkommen bis ins hohe Alter sichern.
  • Reform des Gesundheits- und Rentensystems: Auch Gesundheitsversicherer passen sich an, da die Ausgaben in den letzten Lebensjahren stark steigen [8], was die Nachfrage nach privater Vorsorge und Prävention fördert. Staaten reagieren mit höheren Renteneintrittsaltern und Programmen für spätere Erwerbstätigkeit.
  • Wandel im Seniorenimmobilienmarkt: Der Immobiliensektor steht ebenfalls im Wandel: Der Bedarf an Seniorenwohnungen und betreutem Wohnen steigt rasant, während das Angebot knapp bleibt. In den USA wird bis 2030 ein Defizit von rund 550 000 Einheiten erwartet [9]. Damit wird Healthcare- und Seniorenimmobilien-Investment zu einem der interessantesten Wachstumsfelder, inklusive spezialisierter REITs. Gleichzeitig entstehen altersgerechte Wohnkonzepte mit barrierefreiem Design, smarten Gesundheitsfunktionen und sozialer Einbindung, um selbstbestimmtes Altern zu ermöglichen.

Kurz gesagt: Langlebigkeit verändert das Verständnis von Risiko. Es geht nicht mehr nur um Marktvolatilität, sondern um die strukturelle Herausforderung, länger zu leben als Modelle vorsehen und die Chance, Branchen darauf neu auszurichten.

 

Langlebigkeit als Investment

Aus Sicht der Vermögensverwaltung trägt die Langlebigkeitswelle eine doppelte Botschaft: Sie eröffnet Investoren die Möglichkeit, Lösungen für den demografischen Wandel zu finanzieren und sie verlangt zugleich, dass Einzelne ihre Lebensplanung auf längere Zeiträume ausrichten. 

Anlagechancen

Langlebigkeit entwickelt sich zu einem eigenständigen Investmentthema von Healthcare und Pharma über Seniorenimmobilien bis hin zu Robotik und KI-gestützter Pflege. Diese Bereiche decken sich stark mit der Social-Dimension von ESG, verbinden Renditepotenzial mit gesellschaftlichem Nutzen.

Implikationen für Anleger

Viele Menschen planen heute mit Ruheständen von 30 Jahren oder mehr. Portfolios müssen langfristiges Wachstum, Inflationsschutz und stabile Erträge kombinieren. Finanzinstrumente wie lebenslange Renten und Pflegeversicherungen gewinnen an Bedeutung.

Eine neue Rolle für Berater

Vermögensverwalter werden zu „Finanzärzten“- sie verbinden Investments mit Gesundheits- und Nachfolgeplanung. Ziel ist nicht nur der Vermögensaufbau, sondern auch der sinnvolle Vermögensabbau über ein längeres, gesünderes Leben hinweg.

Blick nach vorn

Wie Live to 100 zeigt, beruht ein langes Leben auf Sinn, Verbundenheit und Gestaltung. Vor derselben Aufgabe stehen heute Investoren und politische Entscheidungsträger: Systeme zu schaffen, die Langlebigkeit nachhaltig machen. Die Alterung der Gesellschaft ist keine vorübergehende Entwicklung, sondern eine strukturelle Transformation, die Gesundheitswesen, Ruhestand und Konsum über Jahrzehnte prägen wird. Für Anleger ist sie zugleich Herausforderung und Chance. Wer in Innovationen investiert, die Menschen ein längeres, gesünderes Leben ermöglichen, erzielt nicht nur attraktive Renditen, sondern leistet auch einen Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt. In einer Ära steigender Lebenserwartung ist Langlebigkeits-Investieren kein Nischenthema – sondern ein zentraler Baustein eines resilienten, zukunftsorientierten Portfolios.

 

[1] Our World in Data: Lebenserwartung, Oktober 2025 (Link).
[2] UNFPA in China: Sicherstellen, dass alle älteren Menschen von der Entwicklung der Silberwirtschaft profitieren können, Februar 2024 (Link).
[3] Silver Economy: The Age of Opportunity, Rothschild & Co, Dezember 2024 (Link).
[4] Gabelli: Der Langlebigkeitsboom: Chancen im Anti-Aging-Bereich, Juli 2025 (Link).
[5] DATAINTELO: Marktprognose zur Silberwirtschaft, Oktober 2025 (Link).
[6] Anti-Aging Market Report 2025: Zentrale Daten und Innovations-Insights, Juni 2025 (Link).
[7] EFG: Die Ära der Langlebigkeit: Resiliente Volkswirtschaften und prosperierende Gesellschaften gestalten, Juni 2025 (Link)
[8] EFG: Die Ära der Langlebigkeit: Resiliente Volkswirtschaften und prosperierende Gesellschaften gestalten, Juni 2025 (Link)
[9] NAIOP: Winterausgabe 2024/2025: Die „Silver Tsunami“ und Investitionschancen im Bereich Seniorenwohnungen, Januar 2024 (Link).

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