Der nächste Biotech-Boom? Warum Longevity Fahrt aufnimmt

Dr. Alexandra Bause erklärt, warum sich Longevity zum zentralen Wachstumsfeld der Biotech-Industrie entwickelt – und welche Rolle Daten, KI und klinische Evidenz dabei spielen.

Rothschild & Co

Alexandra Bause

Dr. Alexandra Bause ist Mitgründerin von Apollo Health Ventures, einem Venture-Capital-Fonds mit Fokus auf Longevity und Biotechnologie. Als Venture-Partnerin identifiziert und entwickelt sie neue Unternehmen aus der Altersforschung in enger Zusammenarbeit mit führenden internationalen Wissenschafts- einrichtungen. Zuvor war sie im Healthcare-Bereich der Boston Consulting Group tätig. Die promovierte Pharmazeutin erforschte zelluläre Alterungsmechanismen an der Harvard Medical School.

Alexandra Bause by Tanja Brückner

Frau Bause, Longevity war lange ein Nischenthema. Warum erreicht es jetzt den Mainstream?

Derzeit treffen drei Entwicklungen zusammen. Erstens hat sich die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt und liefert heute robuste Ansätze für neue Therapien, zumindest im Modellorganismus. Zweitens erzeugt der demografische Wandel erheblichen Druck auf Gesundheits- und Sozialsysteme. Und drittens hat sich das gesellschaftliche Gesundheitsbewusstsein deutlich verändert – beschleunigt durch COVID und einen generationalen Wandel. Longevity adressiert damit gleichzeitig eine wissenschaftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamik.

 

Sie investieren mit Apollo Health Ventures in Longevity als Zukunftsmarkt. Erleben Sie Longevity-Investoren auch privat als gesundheitsbewusster – oder bleibt Gesundheit ein Investmentthema?

 

Je tiefer man sich mit Longevity befasst, desto klarer wird, welche Möglichkeiten wir haben, unsere Gesundheit, Vitalität und Produktivität zu beeinflussen. Das schärft einerseits die Investmentthese, weil man den potenziellen Impact besser versteht. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis, die Erkenntnisse selbst anzuwenden und im persönlichen Umfeld zu teilen. Dabei beobachte ich unterschiedliche Ausprägungen: Viele konzentrieren sich auf grundlegende Faktoren wie Bewegung, Ernährung, Schlaf und den Verzicht auf schädliche Substanzen. Der nächste Schritt ist ein proaktives Gesundheitsmanagement, also die gezielte Reduktion von Risikofaktoren durch Training, Ernährungsumstellung, Stressmanagement sowie gegebenenfalls Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente. Einige gehen noch weiter und experimentieren mit Ansätzen, die den Alterungsprozess direkt beeinflussen könnten, auch wenn die klinische Evidenz hierfür noch aussteht.

 

Sie verbinden Grundlagenforschung, Venture Capital und Unternehmensentwicklung. Wie prägt das Ihren Blick darauf, wie wissenschaftliche Erkenntnisse über Altern im Markt ankommen?

 

Es gibt faszinierende Grundlagenforschung, häufig basierend auf Modellorganismen, die hilft, biologische Alterungsmechanismen besser zu verstehen. Auf dieser Basis gelangen jedoch auch Produkte als Nahrungsergänzungsmittel in den Markt, ohne je am Menschen getestet worden zu sein – das ist nicht unser Ansatz. Wirklich transformatives Marktpotenzial sehen wir in Therapien, die klinische Wirksamkeit im Menschen nachgewiesen haben. Die Herausforderung ist, dass Altern weder zuverlässig messbar noch als Krankheit anerkannt ist. Longevity-Therapien müssen ihre Wirksamkeit daher zunächst in klassischen Indikationen belegen, was lange und kostenintensive Studien erfordert. Daraus ergibt sich eine klare unternehmerische Anforderung: Unternehmen müssen so aufgebaut sein, dass sie für kapitalstarke Investoren einen realistischen Exit-Horizont bieten, etwa durch einen Verkauf an einen großen Pharma-Wettbewerber, bevor der finale klinische Beweis erbracht ist.

Altern ist weder zuverlässig messbar noch eine anerkannte Krankheit.

Sie sprechen von Healthy Longevity, nicht von Lebensverlängerung um jeden Preis. Was unterscheidet echte präventive Wertschöpfung von bloßer Optimierungsrhetorik?

Healthy Longevity ist das Ziel, doch im Gegensatz zur reinen Lebensverlängerung ist der Begriff noch nicht klar definiert und vor allem nicht zuverlässig messbar. Es fehlen etablierte Marker, die den allgemeinen Gesundheitszustand präzise abbilden und frühzeitige Interventionen ermöglichen. Während Früherkennung und Prävention bereits für einzelne Erkrankungen genutzt werden, fehlen solche Marker für den Gesamtzustand. Genau daran wird derzeit intensiv gearbeitet. Eine unserer Portfoliofirmen entwickelt besonders tiefe Datensätze, um solche Marker zu identifizieren, parallel dazu läuft in den USA ein großes staatliches Programm mit genau diesem Ziel. Ein validierter Score, der biologisches Altern messbar macht, wäre ein entscheidender Durchbruch für die Longevity-Medizin.

 

Welche Investmentkriterien müssen erfüllt sein, damit aus wissenschaftlicher Exzellenz ein tragfähiges Longevity-Asset wird?

Zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und einem investierbaren Asset liegen zahlreiche Schritte. Zunächst steht die Qualität der Wissenschaft im Fokus: Wie solide und reproduzierbar sind die Daten, wie relevant sind sie für Longevity, und gibt es Hinweise auf einen messbaren Effekt im Menschen? Ebenso entscheidend ist eine starke IP-Basis, meist in Form von Patenten auf neue Wirkstoffe, die eine belastbare Schutzbarriere schaffen. Hinzu kommt ein klarer und möglichst direkter Weg zum klinischen Proof of Concept. Schließlich muss das Unternehmen so aufgestellt sein, dass es langfristig finanzierbar bleibt. Klinische Entwicklung ist kapitalintensiv, und ein überzeugender Wertschöpfungspfad ist essenziell, um die notwendigen Mittel zu sichern.

 

Wo sehen Sie aktuell den größten unentdeckten Wert im Longevity-Ökosystem?

Der größte unentdeckte Wert liegt in hochwertigen, longitudinalen Datensätzen direkt am Menschen. KI bietet im Longevity-Bereich enormes Potenzial zur Entdeckung neuer Targets und Biomarker, doch die eigentliche Herausforderung liegt in der Datenqualität. Viele bestehende Datensätze sind zu unvollständig, zu heterogen oder zu fragmentiert, um robuste Erkenntnisse zu ermöglichen. Entscheidend sind Daten, die direkt am Menschen erhoben werden, ohne den Umweg über Tiermodelle, deren Übertragbarkeit oft begrenzt ist. Wenn solche Datensätze vorliegen, kann KI ihr Potenzial voll entfalten – sowohl beim besseren Verständnis des Alterns als auch bei der Entwicklung gezielter Therapien und deren Einsatz zum richtigen Zeitpunkt beim richtigen Patienten.

KI bietet im Longevity-Bereich enormes Potenzial zur Entdeckung neuer Targets und Biomarker, doch die eigentliche Herausforderung liegt in der Datenqualität.

Wo sehen Sie durch KI, Daten und personalisierte Medizin echtes disruptives Potenzial – und wo wird es derzeit überschätzt?

Das disruptive Potenzial von KI liegt darin, biologische Komplexität in einer bislang nicht möglichen Tiefe erfassbar zu machen. Altern ist kein linearer Prozess, sondern das Zusammenspiel zahlreicher Mechanismen. Große, saubere, longitudinale Datensätze direkt am Menschen eröffnen hier eine neue Dimension – insbesondere für die Entdeckung von Targets und Biomarkern sowie für ultrapersonalisierte Prävention. Skeptisch bin ich dort, wo die zugrunde liegenden Daten strukturell unzureichend sind. KI-gestütztes Drug Development ist ein gutes Beispiel: Die Erwartungen sind hoch, doch Algorithmen sind nur so gut wie die Daten, auf denen sie basieren. In vielen Bereichen hinkt die Datenqualität den Erwartungen noch deutlich hinterher, der Diskurs übersteigt gleichzeitig noch das praktisch Machbare.

 

Viele Investoren entdecken Gesundheit zunehmend als strategisches Thema. Was unterscheidet Longevity von klassischen Healthcare-Investments?

Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass Longevity-Investments besonders lange Zeithorizonte erfordern. In der Praxis bewegen wir uns innerhalb klassischer Biotech-Investmentzyklen. Viele Unternehmen sind so strukturiert, dass sie bereits vor Markteintritt durch den Verkauf an einen strategischen Partner attraktive Renditen erzielen können. Der wesentliche Unterschied liegt im Upside: Therapien, die auf grundlegende Alterungsmechanismen abzielen, haben eine deutlich breitere biologische Relevanz als indikationsspezifische Ansätze. GLP-1-Agonisten sind ein gutes Beispiel – ursprünglich für Diabetes entwickelt, heute mit stark ausgeweiteter Anwendung. Longevity-Therapeutika könnten eine ähnliche Entwicklung nehmen.

 

Was ist derzeit das größte strukturelle Risiko im Longevity-Sektor?

Das größte Risiko liegt weniger in Wissenschaft oder Regulierung als im Hype. Longevity zieht zunehmend Kapital an, das nicht immer auf fundierter Analyse basiert. Unternehmen mit überzeugenden Narrativen finden schnell Investoren, scheitern jedoch häufig sichtbar. Solche Fälle können dem gesamten Sektor schaden, weil sie das Vertrauen untergraben und auch solide Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen. Entscheidend sind daher Investoren mit multidisziplinärer Expertise – ein tiefes wissenschaftliches Verständnis kombiniert mit Erfahrung in Biotech, Strategie und Unternehmensentwicklung.

 

Vielen Dank, Frau Bause!

Das Gespräch führte Sandra Chattopadhyay, Head of Communications, Rothschild & Co Wealth Management Deutschland.

Wichtige Informationen

Bei dieser Information handelt es sich um eine Marketingmitteilung. Bei diesem Dokument und bei Referenzen zu Emittenten, Finanzinstrumenten oder Finanzprodukten handelt es sich nicht um eine Anlagestrategieempfehlung im Sinne des Artikels 3 Absatz 1 Nummer 34 der Verordnung (EU) Nr. 596/2014 oder um eine Anlageempfehlung im Sinne des Artikels 3 Absatz 1 Nummer 35 der Verordnung (EU) Nr. 596/2014 jeweils in Verbindung mit § 85 Absatz 1 WpHG. Als Marketingmitteilung genügt diese Information nicht allen gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Anlageempfehlungen und Anlagestrategieempfehlungen und unterliegt keinem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Anlageempfehlungen und Anlagestrategieempfehlungen. Diese Information soll Ihnen Gelegenheit geben, sich selbst ein Bild über eine Anlagemöglichkeit zu machen. Diese Information stellt keine rechtliche, steuerliche oder individuelle finanzielle Beratung dar und ersetzt auch keine rechtliche, steuerliche oder individuelle finanzielle Beratung. Ihre Anlageziele sowie Ihre persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse wurden ebenfalls nicht berücksichtigt. Wir weisen daher ausdrücklich darauf hin, dass diese Information keine individuelle Anlageberatung darstellt. Eventuell beschriebene Produkte oder Wertpapiere sind möglicherweise nicht in allen Ländern oder nur in bestimmten Anlegerkategorien zum Erwerb verfügbar. Diese Information darf nur im Rahmen des anwendbaren Rechts und insbesondere nicht an Staatsangehörige der USA oder dort wohnhafte Personen weitergegeben werden. Diese Information wurde weder durch eine unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft noch durch andere unabhängige Experten geprüft.

Wichtiger Hinweis: Aufgrund positiver Performance in der Vergangenheit kann nicht auf zukünftige Erträge geschlossen werden. Soweit in diesem Dokument zukunftsgerichtete Erklärungen enthalten sind, stellen diese die Beurteilung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Marketingmitteilung dar. Zukunftsgerichtete Erklärungen beinhalten wesentliche Elemente subjektiver Beurteilungen und Analysen sowie deren Veränderungen und/oder die Berücksichtigung verschiedener, zusätzlicher Faktoren, die eine materielle Auswirkung auf die genannten Ergebnisse haben könnten. Etwaige Prognosen basieren auf Annahmen, Schätzungen, Ansichten und hypothetischen Modellen oder Analysen, welche sich als falsch herausstellen können.

Lesen Sie mehr Artikel

  • Mosaique startet in Deutschland

    Einblicke

    Ein Gespräch mit den Portfoliomanagern Christian Schwab (CS) und Mark Waldmann (MW) über die neue Multi-Asset-Strategie der deutschen Vermögensverwaltung von Rothschild & Co.

  • Juni: Sinkende Energiekosten als Entlastungsfaktor

    Märkte & Trends

    Die geopolitischen Spannungen rund um den Iran bleiben bestehen, eine erneute Eskalation erscheint derzeit jedoch wenig wahrscheinlich.

  • Gold: ein altes Metall in einer neuen Welt

    Mosaique Insights

    Nach einer herausfordernden Phase, geprägt von geopolitischen Spannungen, anhaltender Inflation und veränderten Zentralbankpolitiken, ist Gold zuletzt wieder unter Druck geraten. Nachdem das Metall seit Ende 2023 stark zugelegt und mehrfach neue Allzeithochs erreicht hatte, befindet es sich aktuell auf einem Sechsmonatstief.