Führung und Strategie: Dr. Alexander Kolb über die Zukunft der Finanzbranche
Ein Gespräch über die Bedeutung strategischer Führungsstärke, die Rolle von Nachhaltigkeit als zentralem Werttreiber sowie die Trends, die die Finanzbranche in den kommenden Jahren prägen dürften.
Prof. Dr. Alexander Kolb ist ein erfahrener Finanzexperte mit umfassender Expertise im Bankwesen und in der Vermögensverwaltung. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Würzburg promovierte er an der Universität Frankfurt/Main. In seiner beruflichen Laufbahn übernahm er leitende Funktionen bei namhaften Finanzinstituten, darunter die Bayerische Vereinsbank, wo er u. a. als Bereichsvorstand für das Privatkundengeschäft tätig war. Heute arbeitet Dr. Kolb in einigen Anlageausschüssen von Familien und berät die Rothschild & Co
Vermögensverwaltung GmbH. Darüber hinaus ist er Professor für Finanzdienstleistungen an der Technischen Hochschule Aschaffenburg.
Herr Dr. Kolb, wenn Sie bei einem Dinner gefragt werden, was Sie beruflich tun, was antworten Sie?
Bei einem privaten Dinner sage ich manchmal, dass ich in meinem „wahren“ Leben Rennfahrer bin – um Neugierde zu wecken. Bei einem geschäftlichen Essen sage ich, dass ich Unternehmer und Berater in der Finanzbranche bin. Ich arbeite in einer Bank, war die Antwort früher. Es kommt auf den Kontext an.
Strategische Beratung im Finanzsektor bedeutet heute weit mehr als reine Zahlenanalyse. Wie hat sich Ihre Rolle in den letzten Jahren verändert und was bedeutet „Strategie“ in Ihrem Alltag?
Früher ging es hauptsächlich um die strategische Allokation von Aktien. Heute ist Strategie viel komplexer geworden; es gehört mittlerweile viel mehr dazu. Mandanten fragen mich zum Beispiel nicht nur, in welche Regionen sie investieren, sondern auch, wo die Investments gebucht werden sollen. Die Diversifikation über alle Assetklassen hinweg ist wichtiger geworden. Früher ging es vor allem darum, möglichst viel zu investieren. Heute spielt Cash eine viel größere Rolle, um flexibel zu bleiben. Zudem ist Private Equity attraktiver geworden, da die Gebühren gesunken und die historischen Renditen höher sind als im Kapitalmarkt. Die Anlageklasse PE ist in den letzten Jahren auch bei Privatkunden bekannter geworden. Ich beobachte eine ähnliche Entwicklung wie bei Hedgefonds und ETFs: Früher kannte sie kaum jemand, heute werden diese Anlageinstrumente rege genutzt.
Bei Rothschild & Co zählen Persönlichkeit, Charakter, Loyalität, Integrität und Verschwiegenheit.
Die Finanzbranche steht unter massivem Transformationsdruck – von Regulierung über Digitalisierung bis hin zur Nachhaltigkeit. Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die drei größten Herausforderungen, mit denen sich Finanzinstitute strategisch auseinandersetzen müssen?
Eine große Herausforderung liegt in der Bewertung der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI). Hier muss man vorne dabei sein, da dies langfristige Auswirkungen auf alle Bereiche der Bank hat. Die zweite Herausforderung ist die nächste Generation von Kunden. Vor allem junge Kunden wollen vieles über eine App oder andere digitale Medien erledigen. Banken müssen hier liefern, um attraktiv zu bleiben. Die dritte Herausforderung betrifft das Retailbanking mit seinen vielen Standorten und den großen Personalkapazitäten. Finanzinstitute müssen hier digitale Lösungen bieten, um den Kundenbedürfnissen gerecht zu werden. Sie müssen gleichzeitig ihre Standorte und Personalstrukturen anpassen.
Weshalb, glauben Sie, ist Rothschild & Co für die Zukunft gut aufgestellt?
Bei Rothschild & Co zählen Persönlichkeit, Charakter, Loyalität, Integrität und Verschwiegenheit. Diese Kriterien sind entscheidend für den Erfolg. Rothschild & Co denkt über Generationen hinweg und investiert langfristig, was auch meiner Denkweise entspricht. Sie bieten seriöse Beratung und bleiben ihrem Kerngeschäft treu, ohne zu spekulieren. Das hat das Unternehmen langfristig erfolgreich gemacht und ist der Grund, warum ich als strategischer Berater gerne für Sie arbeite.
Für welche Themen begeistern sich Ihre Mandanten derzeit am stärksten?
Einige meiner Mandanten sind derzeit sehr besorgt über die Unvorhersehbarkeit der Kapitalmärkte. Früher stiegen Aktienkurse bei guten Unternehmenszahlen und umgekehrt, heute ist das nicht mehr so klar. Die Geschwindigkeit der Veränderungen hat zugenommen, und schlechte Nachrichten aus allen Bereichen der Gesellschaft und Politik können die Märkte beeinflussen. Daher treibt meine Kunden heute mehr das Sicherheits- als das Renditedenken. Einige Mandanten wollen Risken reduzieren, global diversifizieren und ihre Vermögen auf verschiedene Standorte verteilen.
Gibt es aus strategischer Sicht Aspekte, die einer zukunftsorientierten Ausrichtung von Finanzhäusern im Weg stehen?
Ein großes Hindernis sind die hohen Kosten für moderne IT. Diese Investitionen können die Gewinnsituation für Jahre belasten, weshalb viele Finanzhäuser zögern. Ein weiteres Problem ist, dass Finanzunternehmen – auch Versicherungen – oft nicht auf Kundenwünsche eingehen. In vielen anderen Branchen werden Kundenwünsche viel stärker berücksichtigt. Banken bieten an, was sie haben und Kunden bleibt oft nichts anderes übrig, als die Produkte zu kaufen. Hinzu kommt, dass die Hemmschwelle, eine Bank zu wechseln, aufgrund des damit verbundenen hohen administrativen Aufwands hoch ist. Banken sollten daher kontinuierlich kleine Anpassungen ihrer Produktpalette, Unternehmenspolitik und der Strukturen vornehmen, um erfolgreich zu bleiben.
Finanzinstitute bieten an, was sie haben, und Kunden bleibt oft nichts anderes übrig, als es zu kaufen.
Sie arbeiten eng mit Führungskräften zusammen. Was macht für Sie strategische Führungsstärke im Finanzbereich aus – und woran mangelt es?
Strategische Führungsstärke im Finanzbereich bedeutet, ein Leuchtturm für Mitarbeiter und Kunden zu sein und das Unternehmen zu repräsentieren. Um Führungsstärke effektiv zu entwickeln und sichtbar zu machen, sollten Manager vor allem in kleinen und mittelgroßen Unternehmen oft vor Ort beim Kunden sein
Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist in aller Munde. Doch wie gelingt es, Nachhaltigkeit nicht nur als regulatorische Pflicht, sondern als echten strategischen Werttreiber im Unternehmen zu verankern?
Nachhaltigkeit kann ein echter strategischer Werttreiber sein, wenn sie konsequent umgesetzt wird. Eine meiner Kundinnen wollte einmal ein ESG-Portfolio. Damals, vor über 15 Jahren, war dies noch nicht so in aller Munde, doch Rothschild & Co konnte die Anforderungen problemlos umsetzen. Heute kann man konstatieren, dass die Performance dieses nachhaltigen Portfolios höher ausfällt als die Wertentwicklung von damals allgemein angebotenen Vermögensverwaltungsstrategien, was zeigt, dass die Kapitalmärkte den besonders ausgestalteten, konsequenten ESG-Ansatz der Rothschild & Co-Strategie honorieren.
Sie haben nicht nur eine Leidenschaft für das Finanzwesen, sondern sind auch ein erfolgreicher Autorennsportler. Was verbindet und unterscheidet beide Bereiche aus Ihrer Sicht?
Beide Bereiche erfordern 100%ige Präzision: Im Banking muss jede Transaktion exakt umgesetzt werden – genauso wie im Motorsport jede Kurve perfekt genommen werden muss. Erfolg in beiden Bereichen hängt von Konzentration und Leidenschaft ab und selbst kleine Fehler haben gravierende Konsequenzen.
Welche Themen werden uns in den nächsten zwei bis drei Jahren umtreiben?
Digitalisierung wird weiterhin ein großes Thema sein, besonders für junge Leute. Die kaufen zum Beispiel heute schon Private Equity immer häufiger online. Zudem werden die sich schnell verändernden und unvorhersehbaren globalen Entwicklungen die Finanzbranche beeinflussen. Letztere muss sich diesen Herausforderungen stellen und auch wieder verstärkt generationenübergreifende Aspekte berücksichtigen. Es wird zudem immer wichtiger werden, den Bankberuf wieder attraktiv zu machen, um talentierte Nachwuchskräfte zu gewinnen.
Danke für den Austausch!
Das Gespräch begleitete Sandra Chattopadhyay,
Leiterin der Kapitalmarktkommunikation bei
Rothschild & Co Wealth Management Deutschland.
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