Ein Beat, von dem auch Unternehmen lernen können
Im Gespräch mit Smudo
Seit mehr als drei Jahrzehnten prägt Smudo, Rapper, Texter und Gründungsmitglied der „Fantastischen Vier“, die deutsche Musiklandschaft – mit Wortwitz, technischer Neugier und Mut zur Veränderung.
Abseits der Bühne engagiert sich der Musiker für digitale Innovationen, Startups und den verantwortungsvollen Einsatz von KI.
Smudo, was hat euch damals zu „Die da!?“ inspiriert?
Wir wollten einfach einen Hit. Unser erstes Album war ein Achtungserfolg, aber „Die da!?“ sollte mehr reißen. Also dachten wir: Liebe funktioniert immer. Es war unser Versuch, Pop und Rap zu verbinden – und zwar mit den Erfahrungen, die wir bis dahin musikalisch gesammelt hatten. Außerdem hatten wir genug von englischen Texten, die oft gar nicht so tiefgründig waren.
Und so haben wir angefangen, eigene Geschichten zu erzählen – das war der eigentliche Durchbruch. Wir haben damals gemerkt, dass wir auf Deutsch viel direkter und ehrlicher sein konnten. Anfangs hatten wir noch unsere US-Vorbilder imitiert und zwei Jahre lang auf Englisch gerappt.
Aber je mehr wir uns mit den Originaltexten beschäftigten, desto klarer wurde: Das können wir auch – vielleicht sogar besser, wenn wir unsere Muttersprache nutzen. Die Entscheidung fiel letztlich Ende ’88, als wir merkten, dass wir mit deutschen Texten mehr Resonanz bekamen – im Freundeskreis, in der Stammkneipe, bei ersten Konzerten.
Was hat euch damals einen Vorsprung verschafft?
Zwei Dinge: kultureller und technischer Standortvorteil. Wir lebten in der US-Besatzungszone bei Stuttgart – da gab es G.I.-Diskotheken mit echter Rapmusik, Scratchen, Hip-Hop-Partys. Das hat uns schon geprägt, als wir sechzehn waren.
Und dann war da noch Andy Y, unser Technik-Nerd. Der baute aus CT-Magazin-Plänen seine eigene Rhythmusmaschine – die Bronx-Box. Damit konnten wir Beats selbst machen, ohne teure Geräte aus den USA. Diese Kombination aus Nähe zur Kultur und DIY-Technik hat uns erlaubt, früher als andere mit deutschsprachigem Rap durchzustarten.
Wie unterscheidet sich eine Band vom typischen Vermarktungsprodukt?
Wir sind unser eigenes Produkt – und das macht alles noch komplexer. Eine Glühbirne beschwert sich nicht über ihre Verpackung, wir aber schon. Wir müssen ständig abwägen: Was passt zu uns, was nicht? Ein Beispiel: 1992 sollten wir bei „Musik liegt in der Luft“ von Dieter Thomas Heck auftreten.
Wir hatten Befürchtungen, dass unsere Hip-Hop-Fanbase das uncool findet, aber die Sendung hatte über zehn Millionen Zuschauer. Nach langem Diskutieren haben wir’s gemacht – und unsere Fans fanden’s am Ende sogar witzig. Solche Entscheidungen treffen wir im Kollektiv, jeder darf seine Gefühle äußern. Das hat uns über viele Krisen hinweggeholfen.
Wir haben nie für eine Zielgruppe geschrieben – wir haben gemacht, was uns gefällt.
Welche Parallelen siehst du zwischen Bandgründung und Unternehmensaufbau?
Beides braucht Eigeninitiative. Als Band mussten wir alles selbst organisieren: Technik, Studio, Management. Anfangs sind wir das recht naiv herangegangen, aber wir haben schnell gelernt. Unsere erste Fanbase war der Freundeskreis – die Stammkneipe war leer, weil alle zur Show kamen.
Wir haben einfach gemacht, was uns gefällt. Die Zielgruppe kam später. Das ist wie bei einem Startup: Du entwickelst ein Produkt, das du selbst gut findest, und hoffst, dass andere es auch mögen. Die Verantwortung war früh da – künstlerisch wie finanziell. Und wir haben gelernt, dass man als Team besser durchhält.
Wie trefft ihr Entscheidungen im Team?
Wir arbeiten nach dem Prinzip: Alle Gefühle zählen. Wenn jemand ein Problem mit einer Idee hat, wird das ernst genommen. Es geht nicht darum, dass alle begeistert sind, sondern dass jeder sich verstanden fühlt. Dann kann man auch mittragen, was man selbst vielleicht kritisch sieht.
Das gilt für alles – von der Single-Auswahl bis zur TV-Show. Diese Kultur haben wir über die Jahre verfeinert. Anfangs war das instinktiv, heute ist es fast therapeutisch. Das hat uns geholfen, als Team ohne Hierarchien zu funktionieren – mit viel Respekt und Präzision.
Was war euch bei der Struktur eures Managements besonders wichtig?
Wir wollten ein Management, das unsere Interessen wirklich versteht und vertritt – nicht nur verwaltet. Gerade weil Deutschrap damals kaum existierte, gab es keine Blaupause. Die Plattenfirma hatte wenig Ahnung, wo wir hingehören.
Man wollte uns bei Dancepool unterbringen – einem Techno-Label! Da mussten wir selbst sagen: Das passt nicht. Ein Schlüsselmoment war, als wir bei Sony einen Flyer für ein großes Hip-Hop-Festival sahen. Wir fragten: Warum spielen wir da nicht? Drei Tage später standen wir auf der Bühne. Solche Gelegenheiten entstehen nur, wenn man selbst mitdenkt und mitredet.
Du bist mittlerweile selbst an Startups beteiligt. Woran erkennst du, ob ein Gründer „Feuer“ hat?
Wenn jemand seine Idee mit echter Leidenschaft erklärt – nicht nur mit Zahlen –, dann springt der Funke über. So war’s bei einem Startup für ein Bezahlsystem in der Privatfliegerei. Ich bin selbst Pilot und kenne die Probleme: kaputte Drucker, keine Rechnung, umständliches Herumlaufen im Flughafengebäude.
Der Gründer hat mir die Lösung so begeistert erklärt, dass ich sofort dabei war. Ich bin kein Excel-Typ, aber wenn mich jemand begeistert, bin ich voll drin. Und manchmal klappt’s eben auch.
Wir sind unser eigenes Produkt – und das macht alles noch komplexer.
Ihr wart immer Vorreiter – aber Pioniere irren sich auch. Wie gehst du mit Risiko um – beruflich und privat?
Ich entscheide, wie gesagt, oft aus dem Bauch, nicht auf der Basis von Daten. Das ist riskant, klar – aber es passt zu mir. Ich bin durch Luca, die App, die zur digitalen Kontaktverfolgung in der Pandemie entwickelt wurde, in die Startup-Welt gerutscht und halte heute Beteiligungen an Ideen, die mir persönlich begegnen – etwa aus der Musik oder der Fliegerei.
Natürlich gab’s Rückschläge: Zum Beispiel wurde uns unsere eigene Booking-Agentur quasi geklaut. Im Nachhinein erkennt man, dass das Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Firma schon vorher brüchig war. Persönlichkeiten spielen da eine große Rolle. Wichtig ist, dass man daraus lernt – und trotzdem weitermacht. Manchmal lässt sich ein Bruch nicht verhindern, auch wenn man 20 Jahre lang erfolgreich war.
Das ist bitter, vor allem wenn man dachte, man sei unter Freunden. Aber so ist das Leben: Nicht alles ist planbar. Erfolg ist oft auch Glück. Wir als Band hatten Glück, dass wir immer viel miteinander gesprochen haben und unsere Interessen nie gegeneinanderstanden. Das hat uns getragen.
Sind das nicht auch Erfolgsfaktoren für klassische Unternehmen?
Klar. Ich sehe da bereits eine positive Entwicklung. Früher war Führung oft autoritär – Chef haut auf den Tisch, alle folgen. Heute ist das anders. Ich erlebe das auch schon in Schulen: Da wird mit Kindern ein „Vertrag“ gemacht, wie man gemeinsam Ziele erreicht.
Das ist echte Kommunikation auf Augenhöhe. Wenn Unternehmen das übernehmen – zuhören, Gefühle ernst nehmen, gemeinsam entscheiden –, entsteht eine Kultur, die Innovation fördert. Offenheit schafft Vertrauen, und Vertrauen ist die Basis für Kreativität. Das gilt für Bands genauso wie für Firmen. Wer miteinander spricht, kommt weiter.
Apropos Kommunikation: „MfG – Mit freundlichen Grüßen“ hat damals die Amtssprache aufs Korn genommen. Wie siehst du die heutige Jugendsprache und KI-Kommunikation?
Sprache ist für mich ein lebendiges Ding. Ich beobachte mit Neugier, wie meine Teenie-Töchter kommunizieren – voller Abkürzungen und Emojis. KI dagegen imitiert Sprache, sie schöpft aus dem, was schon da ist. Das ist spannend, aber nicht unbedingt kreativ.
Wenn ich eine KI bitte, einen Songtext im Stil der Fantas zu schreiben, kommt oft nur ein Remix bekannter Zeilen, jedoch nichts wirklich Neues oder Bahnbrechendes. Kunst lebt vom Bruch mit Erwartung – und da ist KI noch nicht wirklich hilfreich. Aber als Werkzeug zur Umsetzung? Da sehe ich Potenzial.
Wo endet für dich die Maschine, wo beginnt der Mensch?
Echte Intuition beginnt dort, wo die Maschine endet. KI kann helfen, Prozesse zu vereinfachen – etwa beim Sampling oder bei der Videoproduktion. Früher war das alles mühsam. Aber gerade durch diese Mühe entstanden oft auch neue Ideen. Heute kann KI das technisch perfekt nachbauen, doch die kreative Überraschung fehlt.
Ich mache mir keine Sorgen um die Kreativität – die bleibt menschlich. Was ich eher kritisch sehe, ist der Verlust handwerklicher Fähigkeiten. Wenn alles automatisiert wird, fehlt manchmal die Tiefe. Als Band haben wir immer davon gelebt, dass wir Dinge selbst gemacht und ausprobiert haben.
Was war für euch ein Moment, in dem ihr gemerkt habt: Jetzt sind wir mehr als „nur“ Musiker?
Das war im Heidelberger Schwimmbad-Club im Oktober ’92. 300 Leute passten rein, aber draußen standen über 1000 in der Schlange. Wir hatten vorher Soundcheck, guckten aus dem Fenster und dachten: Das kann doch nicht wahr sein. Wir haben das gefilmt, und es war klar: Jetzt ist es passiert.
Der T-Shirt-Laster war nach 20 Minuten leer, die Leute waren völlig aus dem Häuschen. Das war der Moment, den wir alle gespürt haben – ganz eindeutig. Ab da war alles anders. Und das zeigt: Erfolg ist nicht nur Strategie, sondern auch Magie.
Vielen Dank, Smudo!
Das Gespräch führte Sandra Chattopadhyay, Head of Communications,
Rothschild & Co Wealth Management Deutschland
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