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Europa spart genug – warum es nun auf die richtige Kapitalallokation ankommt

Veröffentlichungsdatum
Mann im Anzug

Bastian Freitag verantwortet die Fixed Income-Strategien bei Rothschild & Co Wealth Management in Deutschland.

Europa diskutiert derzeit intensiv über seine wirtschaftliche Zukunft. Die Themen sind bekannt und wurden im Draghi-Report vom September 2024 weitreichend adressiert: Wettbewerbsfähigkeit, Energiekosten, geopolitische Unsicherheiten, demografischer Wandel und der technologische Vorsprung der USA und Chinas. In vielen dieser Debatten steht die Frage im Mittelpunkt, wie zusätzliche Investitionen finanziert werden können. Dabei wird ein wichtiger Aspekt häufig übersehen: Europas eigentliches Problem ist nicht ein Mangel an Kapital. Das Problem ist, dass ein erheblicher Teil dieses Kapitals nicht dort ankommt, wo es Wachstum, Innovation und Produktivität schaffen könnte.

Der öffentliche Diskurs konzentriert sich oft auf die Notwendigkeit neuer Investitionsprogramme oder zusätzlicher staatlicher Mittel. Tatsächlich verfügt Europa jedoch bereits heute über erhebliche finanzielle Ressourcen. Die entscheidende Herausforderung besteht darin, diese Mittel effizienter zu mobilisieren und produktiv einzusetzen.

Ein großer Teil der europäischen Ersparnisse verbleibt auf Spar- und Bankkonten.

Ein Kontinent der Sparer

Ein Blick auf das Sparverhalten zeigt zunächst ein überraschendes Bild: Die Menschen in Europa sparen viel. Im Jahr 2025 legten private Haushalte in der Eurozone durchschnittlich knapp 15 Prozent ihres verfügbaren Einkommens zurück. In den USA lag die Sparquote dagegen lediglich bei rund fünf Prozent. Auf den ersten Blick erscheint dies als Stärke. Hohe Sparquoten schaffen finanzielle Stabilität und bilden die Grundlage für zukünftige Investitionen. Doch genau hier beginnt das europäische Dilemma. Denn während Kapital in den USA vergleichsweise häufig seinen Weg in Unternehmen, Innovationen und Kapitalmärkte findet, verbleibt ein großer Teil der europäischen Ersparnisse auf Spar- und Bankkonten.

Die Unterschiede sind erheblich: Rund 43 Prozent des privaten Vermögens in den USA sind in Wertpapieren investiert. In der Europäischen Union liegt dieser Anteil lediglich bei etwa 17 Prozent. Vereinfacht ausgedrückt: In den USA arbeitet ein deutlich größerer Teil des Vermögens produktiv in der Wirtschaft, während in Europa große Kapitalbestände vergleichsweise unproduktiv zurückgehalten werden. Diese unterschiedliche Kapitalallokation hat weitreichende Folgen. Denn Kapital, das nicht investiert wird, kann weder neue Technologien finanzieren noch Innovationen ermöglichen oder den Ausbau erfolgreicher Unternehmen unterstützen. Gerade in Wachstumsphasen, in denen Unternehmen Kapital für Forschung, Entwicklung oder internationale Expansion benötigen, zeigt sich die Bedeutung leistungsfähiger Kapitalmärkte besonders deutlich.

Die Produktivitätslücke wächst

Dass die Frage der Kapitalallokation keine rein finanzwirtschaftliche Diskussion ist, wird beim Blick auf die Produktivitätsentwicklung deutlich. Mitte der 1990er-Jahre erreichte Europa noch rund 95 Prozent des Produktivitätsniveaus der USA. Heute liegt dieser Wert bei weniger als 80 Prozent. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Neben regulatorischen Unterschieden, der Fragmentierung europäischer Märkte und unterschiedlichen Innovationsökosystemen spielt auch die Finanzierung von Wachstum eine wichtige Rolle.

Besonders sichtbar wird dies im Technologiesektor. Die USA haben in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche globale Marktführer im Bereich Digitalisierung, Plattformökonomie und inzwischen auch Künstliche Intelligenz hervorgebracht. Viele dieser Unternehmen konnten in frühen Entwicklungsphasen auf umfangreiches privates Kapital zugreifen und dadurch schnell wachsen.

Europa hingegen verfügt zweifellos über exzellente Forschungseinrichtungen, hochqualifizierte Fachkräfte und innovative Unternehmen. Dennoch gelingt es häufig nicht, erfolgreiche Ideen im gleichen Umfang zu skalieren und zu globalen Marktführern weiterzuentwickeln. Insbesondere in entscheidenden Wachstumsphasen fehlt oftmals der Zugang zu ausreichend Kapital. Die Folge ist eine zunehmend sichtbare Produktivitätslücke gegenüber den Vereinigten Staaten – mit direkten Auswirkungen auf Wachstum, Innovationskraft und langfristigen Wohlstand.

Wachstum wird künftig vor allem durch Produktivität entstehen

Die Bedeutung produktiver Investitionen wird durch die demografische Entwicklung zusätzlich verstärkt. Bis 2040 dürfte die europäische Erwerbsbevölkerung jährlich um rund zwei Millionen Menschen schrumpfen. Damit verändert sich die Grundlage wirtschaftlichen Wachstums grundlegend. Während in der Vergangenheit zusätzliche Arbeitskräfte einen wichtigen Beitrag zum Wachstum leisten konnten, wird dieser Faktor künftig deutlich an Bedeutung verlieren.

Wachstum wird daher stärker als bisher aus Produktivitätssteigerungen kommen müssen. Neue Technologien, Automatisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden eine zentrale Rolle dabei spielen, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit trotz einer alternden Gesellschaft zu erhalten und auszubauen. Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Diskussion über Künstliche Intelligenz in einem anderen Licht. Die erste große digitale Revolution hat Europa nur begrenzt für sich nutzen können. Bei vielen digitalen Geschäftsmodellen entstanden die weltweit führenden Unternehmen außerhalb Europas.

Die aktuelle technologische Transformationsphase bietet nun die Möglichkeit, verlorenen Boden gutzumachen. Dafür braucht es jedoch nicht nur unternehmerische Ideen und technologische Kompetenz. Entscheidend ist auch, dass ausreichend Kapital in jene Unternehmen fließt, die die Technologien von morgen entwickeln und wirtschaftlich nutzbar machen.

Die Frage ist, ob Europa die richtigen Rahmenbedingungen schafft, damit aus Ersparnissen Investitionen werden.

Die Kapitalmarktunion als europäisches Zukunftsprojekt

Seit der Veröffentlichung des Draghi-Reports zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit im September 2024 hat die Frage nach geeigneten Wachstumsimpulsen neue Bedeutung gewonnen. Ein zentrales Ergebnis der Analyse lautet, dass Europa deutlich höhere Investitionen benötigt, um seine wirtschaftliche Stärke langfristig zu sichern.

Der zusätzliche Investitionsbedarf wird auf 750 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Dabei dürfte der überwiegende Teil dieser Summe – rund 80 Prozent – aus privaten Quellen stammen müssen. Genau hier setzt die Diskussion um eine stärkere europäische Kapitalmarktunion an. Ziel ist es, Kapital innerhalb Europas einfacher, effizienter und grenzüberschreitend verfügbar zu machen. Ein integrierter Kapitalmarkt könnte dabei helfen, Ersparnisse besser in produktive Investitionen zu lenken und Unternehmen den Zugang zu Wachstumskapital zu erleichtern.

Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Schätzung der Europäischen Zentralbank: Bereits eine teilweise Annäherung des europäischen Spar- und Anlageverhaltens an das Niveau der USA könnte zusätzliche Investitionsströme von rund 350 Milliarden Euro pro Jahr mobilisieren. Und zwar ohne neue Schuldenprogramme und ohne zusätzliche staatliche Ausgaben. Das verdeutlicht die eigentliche Dimension der Herausforderung. Europa muss nicht erst neues Kapital schaffen. Es muss vorhandenes Kapital wirksamer einsetzen.

Altersvorsorge als Schlüssel zur Kapitalmobilisierung

Ein möglicher Baustein auf diesem Weg könnte die Etablierung eines europäischen Altersvorsorgedepots sein. Ein solches Modell würde langfristiges Sparen stärker mit produktiven Kapitalmarktanlagen verbinden und damit mehrere Ziele gleichzeitig unterstützen. Sparer erhielten bessere Chancen auf langfristigen Vermögensaufbau, während Unternehmen leichter Zugang zu langfristigem Kapital bekämen – auf europäischer Ebene. Gleichzeitig könnten zusätzliche Mittel für Zukunftsinvestitionen mobilisiert werden.

Internationale Erfahrungen zeigen, dass kapitalmarktbasierte Vorsorgemodelle einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung von Innovationen und Unternehmenswachstum leisten können. Sie schaffen langfristig orientierte Kapitalgeber und fördern eine breitere Beteiligung der Bevölkerung an wirtschaftlicher Wertschöpfung. Für Europa könnte dies ein wichtiger Schritt sein, um die vorhandenen Ersparnisse stärker in produktive Bahnen zu lenken.

Die entscheidende Frage lautet: Wie schaffen wir die richtigen Rahmenbedingungen?

Die Wirtschaftsgeschichte liefert zahlreiche Beispiele dafür, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht allein von der Menge des verfügbaren Kapitals abhängt. Oft wird etwa der Marshallplan als zentrale Ursache des deutschen Wirtschaftswunders genannt. Tatsächlich erhielt Deutschland damals rund 1,4 Milliarden US-Dollar an Hilfen – ein bedeutender Beitrag, aber lediglich etwa drei Prozent des damaligen Nationaleinkommens. Andere Länder profitierten pro Kopf von deutlich höheren Unterstützungsleistungen, ohne eine vergleichbare Wachstumsdynamik zu entwickeln.

Entscheidend waren letztlich die Rahmenbedingungen: verlässliche Institutionen, investitionsfreundliche Strukturen, funktionierende Märkte und ein Umfeld, das Unternehmertum und Innovation begünstigte. Vor einer ähnlichen Aufgabe steht Europa heute. Das Kapital ist vorhanden. Die jüngst beschlossenen Investitions- und Fiskalmaßnahmen in Deutschland können wichtige Impulse setzen und dringend notwendige Investitionen anstoßen. Langfristig wird es jedoch nicht ausreichen, allein auf staatliche Ausgabenprogramme zu setzen.

Europas Wettbewerbsfähigkeit wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, privates Kapital stärker für Innovation, Infrastruktur, Digitalisierung, Verteidigung, Energiewende und Zukunftstechnologien zu mobilisieren. Die finanzielle Grundlage hierfür existiert bereits. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Europa genug spart. Die Frage ist, ob Europa die richtigen Rahmenbedingungen schafft, damit aus Ersparnissen Investitionen werden – und aus Investitionen neues Wachstum, höhere Produktivität und langfristiger Wohlstand.

Quellen: Europäische Kommission (The Future of European Competitiveness, September 2024), Europäische Zentralbank (EZB), Eurostat, U.S. Bureau of Economic Analysis (BEA) sowie Berechnungen von Rothschild & Co Wealth Management.

 

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